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Presseartikel : Cyberversicherung erreicht einen Wendepunkt, da KI die Risiken verstärkt

Oliver Delvos Newsroom
  • Veröffentlicht am

    05 August 2026
  • Lesezeit

    5 min.

Trotz erhöhter Schadensbelastungen, wachsender digitaler Abhängigkeiten sowie zunehmender regulatorischer und KI-bezogener Risiken setzt sich die Aufweichung der Cyberversicherungsprämien in Europa fort, schreibt Oliver Delvos, Head of Cyber & Tech E&O Europe bei Liberty Specialty Markets (LSM).

Erstveröffentlicht in Global Reinsurance und mit freundlicher Genehmigung der Redaktion nachgedruckt.

Zu einem Zeitpunkt, an dem sich Cyberrisiken aufgrund KI-gestützter Bedrohungen, zunehmender digitaler Abhängigkeiten und sich weiterentwickelnder regulatorischer Rahmenbedingungen verschärfen, weicht sich der Markt weiter auf. Die Prämien sinken weiterhin, der Wettbewerb bleibt intensiv, und der Umfang des Versicherungsschutzes nimmt zu. Diese Diskrepanz zwischen Risikoentwicklung und Preisgestaltung deutet darauf hin, dass sich die Branche einem kritischen Wendepunkt nähert.

Im vergangenen Jahr hat der europäische Cyberversicherungsmarkt eine anhaltende Aufweichung erlebt. Umfangreiche Kapazitäten und die Einstufung von Cyber als attraktives Wachstumssegment haben zu sinkenden Prämien und erweiterten Deckungsumfängen geführt. Dies sollte jedoch keineswegs als Zeichen einer verbesserten Risikolage verstanden werden. Im Gegenteil: Die Schadenentwicklung nimmt sowohl hinsichtlich der Häufigkeit als auch der Schwere weiter zu.

Diese Entwicklung steht im Gegensatz zu den ersten Anzeichen eines Trendwechsels auf dem US-Markt, wo sich die Preise stabilisiert haben und teilweise sogar wieder steigen. Gleichzeitig bleibt die Zeichnungsdisziplin dort weitgehend erhalten. Die zunehmende Divergenz führt zu einem uneinheitlichen globalen Marktbild, das letztlich zu Volatilität führen könnte.

Da die verfügbaren Kapazitäten zunehmend nicht mehr mit den zugrunde liegenden Risiken übereinstimmen, nähert sich der Markt wahrscheinlich einer Preisuntergrenze. Die Geschichte zeigt, dass darauf eine Marktkorrektur folgen könnte, auch wenn noch offen ist, ob diese die Intensität des Verhärtungszyklus von 2020 erreichen wird.

Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch die Aussicht auf eine Konsolidierung unter Versicherern sowie verstärkte Investitionen in Versicherungstechnologien. Da die Margen unter Druck geraten, werden langfristig nur jene Versicherer wettbewerbsfähig bleiben, die Skaleneffekte mit hochentwickelten Fähigkeiten zur Risikobewertung kombinieren können.

Künstliche Intelligenz (KI) schafft nicht vollständig neue Cyberbedrohungen, sondern verstärkt und beschleunigt bestehende Risiken. Neu ist jedoch der Übergang von der Automatisierung zur Autonomie. Cyberkriminelle nutzen KI mittlerweile, um Geschwindigkeit, Reichweite und Effizienz von Angriffen erheblich zu steigern, etwa durch die Identifizierung von Schwachstellen und die Automatisierung von Teilen des Angriffsvorgangs.

KI-gestützte Werkzeuge testen Eintrittspunkte und führen zunehmend Angriffe mit minimalem menschlichem Eingreifen aus. Dabei werden mehrere Schwachstellen mit geringer Kritikalität zu einem miteinander verknüpften und ausnutzbaren Angriffspfad kombiniert. Diese Entwicklung senkt die Kosten von Cyberangriffen sowie die Eintrittsbarrieren für Cyberkriminalität und ermöglicht weniger erfahrenen Akteuren eine bislang unerreichte Effektivität.

Die Auswirkungen sind erheblich. Schadensszenarien, die früher überwiegend Großunternehmen betrafen, werden zunehmend zu Standardrisiken für mittelständische Unternehmen und KMU, da entsprechende Werkzeuge leichter zugänglich werden. Mit der zunehmenden Demokratisierung von KI erweitert sich die Angriffsfläche nicht nur hinsichtlich ihrer Größe, sondern auch ihrer Zugänglichkeit.

Auch das Profil von Cyberschäden verändert sich. Traditionelle Cybervorfälle wie Systemausfälle oder Datenschutzverletzungen werden zunehmend durch Schäden ergänzt oder sogar ersetzt, die aus der Kompromittierung legitimer Benutzerkonten entstehen. Dies kann zu unbefugtem Systemzugriff, Datendiebstahl, Betrug sowie Governance-Versagen führen.

Gleichzeitig greifen Angreifer frühere Taktiken wieder auf und modernisieren diese. Fälle, in denen kompromittierte Zugangsdaten genutzt werden, um rechenintensive Prozesse auf der Infrastruktur eines Opfers auszuführen, treten in neuer Form erneut auf. Solche Angriffe können durch erhöhte Energie- und IT-Kosten erhebliche finanzielle Schäden verursachen und erinnern an frühere Ausbeutungswellen.

Darüber hinaus beobachten wir zunehmend ausgefeilte Angriffsmethoden, darunter KI-gestützte Identitätsfälschungen, manipulierte Dokumente und Angriffe auf Multi-Faktor-Authentifizierung über Zurücksetzungsmechanismen. Dadurch werden traditionelle Sicherheitskontrollen zusätzlich unter Druck gesetzt. Gleichzeitig rücken wirksame und lückenlos implementierte Sicherheitsmaßnahmen noch stärker in den Fokus. Ebenso müssen Patch-Zyklen weiter verkürzt werden, um Schwachstellenfenster auf ein Minimum zu reduzieren.

Parallel dazu nimmt die Regulierung insbesondere in Europa weiter zu. Neue Regelwerke entwickeln sich zu einem wesentlichen und häufig unterschätzten Treiber für Investitionen in IT-Resilienz und die Sicherheit von Lieferketten.

Eine Welle gesetzlicher Entwicklungen, darunter der EU AI Act, der Cyber Resilience Act, die Richtlinie über Maßnahmen für ein hohes gemeinsames Cybersicherheitsniveau (NIS2), der Digital Operational Resilience Act (DORA) sowie Änderungen der Produkthaftungsrichtlinie, verändert die Governance- und Haftungslandschaft grundlegend.

Gleichzeitig dürfte die DSGVO erneut an Bedeutung gewinnen, da KI-gestützte Werkzeuge die Identifizierung, Verfolgung und zunehmend auch die Automatisierung von Ansprüchen erleichtern. Da die Gerichte eine immer umfangreichere Rechtsprechung entwickeln, die Schadensersatzansprüche klarer quantifiziert, dürften die Haftungsrisiken sowohl im Bereich Cyber als auch bei Technologie-Haftpflichtversicherungen (Errors & Omissions) zunehmen. Dies hat weitreichende Folgen für Compliance-Verstöße und Verteidigungskosten.

Wie DORA für Finanzinstitute bereits vorschreibt, erstreckt sich die Frage der Resilienz inzwischen vollständig auf externe IT-Dienstleister und Managed-Service-Anbieter, da diese kritische Ausfallpunkte darstellen. Das Lieferkettenrisiko beschränkt sich dabei nicht mehr auf digitale Dienstleister, sondern umfasst zunehmend auch physische Lieferanten und operative Abhängigkeiten. Ein Cyberereignis an einer Stelle der Lieferkette kann auf zahlreiche Organisationen übergreifen und weitreichende Störungen sowohl in digitalen als auch in physischen Umgebungen auslösen.

Der Versicherungsschutz hat sich dieser Entwicklung angepasst. Mit zunehmender Breite des Versicherungsschutzes steigt jedoch auch die Komplexität. Versicherer müssen daher über die Bewertung einzelner Risiken hinausgehen und ein tiefergehendes Portfolioverständnis von Abhängigkeiten und systemischen Risiken entwickeln, das unterschiedliche Lieferkettenszenarien berücksichtigt.

Wie bereits im Zusammenhang mit Lieferketten erwähnt, gehört das Aufkommen cyberphysischer Risiken zu den bedeutendsten Entwicklungen der vergangenen Jahre. Cybervorfälle sind zunehmend in der Lage, greifbare Schäden zu verursachen, von Sachbeschädigungen bis hin zu Betriebsstillständen, einschließlich Unterbrechungen integrierter Produktionsumgebungen und Robotiksysteme.

Dies zeigt sich besonders deutlich in Umgebungen, in denen Operational Technology (OT) eng mit IT-Systemen verbunden ist. Betriebsunterbrechungen infolge von Cyberereignissen treten häufiger auf und verursachen oftmals schwerwiegendere Schäden.

Die Zeichnung cyberphysischer Risiken bringt jedoch besondere Herausforderungen mit sich. Historische Daten sind begrenzt, Bewertungsmethoden unterscheiden sich je nach Sparte, und die traditionellen Grenzen zwischen Cyber-, Sach- und teilweise sogar Energieversicherungen verschwimmen zunehmend. Die Konsequenz ist eindeutig: Cyberrisiken können nicht länger isoliert betrachtet werden. Sie müssen als Teil eines umfassenderen Risikoökosystems verstanden werden. Versicherer benötigen kontinuierliches Monitoring, Echtzeittransparenz und fortschrittliche Analysen, um Risiken wirksam zu verstehen und zu steuern.

Die Risikoselektion ist dabei von entscheidender Bedeutung. Führende Versicherer investieren zunehmend in proprietäre Werkzeuge, KI-gestützte Schwachstellenanalysen und integrierte Cyber-Risk-Engineering-Kompetenzen, um ihre Entscheidungsfindung zu verbessern. Die Fähigkeit, Daten, Technologie und Fachwissen miteinander zu verbinden, wird in den kommenden Jahren den Maßstab für exzellentes Underwriting setzen.

Eine der komplexeren und weiterhin offenen Fragen für die Branche betrifft die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf Versicherungsportfolios. Ähnlich wie die Branche vor einem Jahrzehnt mit dem Thema „Silent Cyber“ konfrontiert war, richtet sich die Aufmerksamkeit nun zunehmend darauf, wie KI-bezogene Risiken die Risikolandschaft anderer Versicherungssparten beeinflussen.

KI-bezogene Haftungsrisiken könnten sich bereits heute über verschiedene Versicherungssparten hinweg aufbauen, oftmals ohne ausdrückliche Berücksichtigung oder angemessene Bepreisung. Dies wirft grundsätzliche Fragen hinsichtlich der Identifikation und Steuerung solcher Risiken auf.

Auch wenn sich dieses Thema noch in der Entwicklungsphase befindet und noch keine abschließend definierte Marktposition existiert, verdeutlicht es die Notwendigkeit größerer Klarheit darüber, wie neue Technologien mit bestehenden Versicherungslösungen interagieren.

Da sich der Markt einem möglichen Wendepunkt nähert, werden Disziplin und solide Grundlagen zunehmend wichtiger. Versicherungsnehmer müssen grundlegende Cyberhygiene, ein robustes Identitäts- und Zugriffsmanagement, konsequentes Patch-Management, die Überwachung von Edge-Geräten sowie ein wirksames Change-Management priorisieren.

Für Versicherer wird die Zukunft nicht davon bestimmt werden, wie viel Kapazität bereitgestellt wird, sondern davon, wie intelligent Risiken verstanden, bepreist und verteilt werden. Dazu gehört die Fähigkeit, neue Bedrohungen frühzeitig zu erkennen, regulatorische Komplexität zu bewältigen und in die notwendigen Werkzeuge sowie Talente zu investieren.

Der europäische Cyberversicherungsmarkt tritt in eine Phase erhöhter Unsicherheit ein. In dieser Unsicherheit liegt jedoch auch eine Chance für diejenigen, die bereit sind, sich anzupassen. In einer Welt, die von künstlicher Intelligenz, vernetzten Systemen und sich wandelnden Haftungsrisiken geprägt ist, werden Klarheit, Agilität und vor allem ein tiefes Verständnis von Risiko in all seinen Facetten über den Erfolg entscheiden.